Geschichtliches

Das Ladyfest Rostock reiht sich in eine aus der Riot Grrrl1-Szene entstandene Ladyfestgeschichte ein. In der Riot Grrrl-Szene hatten Frauen*2 keine Lust mehr, bei Hardcore- und Punkkonzerten die Kleiderhaken für ihre männlichen* Freunde zu sein, während diese vor und auf der Bühne abfeierten.
Das Sternchen weist darauf hin, dass die Kategorien „Frau“ und „Mann“ nicht natürlich, sondern gesellschaftlich konstruiert sind. Das Sternchen soll sichtbar machen, dass es kein einheitliches Bild gibt, sondern unterschiedliche Entwürfe als „Frau“ oder „Mann“ oder weder noch zu leben.

Seit dem Beginn der Riot Grrrl-Bewegung sind mehr als 20 Jahre vergangen.
Was hat sich bis heute verändert?
Wer macht die Bar?
Wer räumt auf und putzt?
Wer macht das Catering?
Wer steht auf der Bühne?
Wer steht in der ersten Reihe?
Wer baut die Technik auf?
Wer organisiert?
Wer macht Veranstaltungsschutz?
Der Grundgedanke von Ladyfesten besteht für uns im Wesentlichen darin, selbst Veranstaltungen zu organisieren, in denen wir Musik, Kultur und Queer-Feminismus3 gemeinsam denken und gestalten.

Was wir wollen

Also wollen wir ein Ladyfest in Rostock – logisch. Die Gruppe Ladyfest Rostock gibt es seit 2008.
Wir haben uns für unsere queer-feministischen Veranstaltungen aber von dem Namen Ladyfest nach vielen Diskussionen, Auseinandersetzungen mit Begriffen und internen Prozessen verabschiedet.
Mit dem Begriff Lady können sich nicht alle identifizieren, die Teil der Gruppe sind und wir ansprechen wollen. Es geht uns auch nicht darum, nur ein Fest auszurichten, sondern auch in vielen Formen aktiv zu sein: Vorträge, Workshops, direkte Aktionen, Lesungen, Konzerte, Partys, Solitresen uvm.
Das alles soll in einem D.I.Y. Stil geschehen, also Do It Yourself. D.I.Y. bedeutet, dass wir als Orgagruppe viele Dinge selber in die Hand nehmen – Räume beschaffen und gestalten, Künstler*innen anfragen, Flyer und Plakate entwerfen, Finanzkreativität entwickeln, Technik betreuen, Küfa4 kochen… Aber D.I.Y. heißt auch, anderen Menschen die Möglichkeit zu geben, selbst aktiv zu sein.

Dem sexistischen Normalzustand ordentlich in den Hintern treten

Die Orte, an denen unsere Veranstaltungen stattfinden, sollen die Möglichkeit bieten, männlich dominierte Räume zurückzuerobern und zu besetzen – theoretisch und praktisch. Wir wollen uns selbst und andere stärken sowie Freiräume schaffen.
Dass unsere Veranstaltungen 100%ig frei von Diskriminierungen und Ausschlüssen sind, streben wir stets an, können es aber nicht versprechen. Dazu sind in dem System, in dem wir leben und aufwachsen, zu viele Falltüren eingebaut. Wir wollen jedoch einen Raum schaffen, in dem eine Auseinandersetzung mit Ausschlüssen stattfindet – auch denen, die wir bewusst oder unbewusst selbst (re)produzieren.

Was uns wichtig ist:

• in verschiedenen Bereichen Fähigkeiten erlernen und mit anderen teilen
• sich ausprobieren können, ohne den Druck, sich beweisen zu müssen
• sich queer-feministisches und gesellschaftskritisches Wissen aneignen und sich damit auseinandersetzen
• die Kulturlandschaft Rostocks gestalten und ihr unseren queer-femistischen Stempel aufdrücken
• mit der Gruppe und unseren Veranstaltungen Vernetzungsmöglichkeiten schaffen
• uns und andere Menschen empowern und motivieren, selbst aktiv zu werden

Wer wir sind

Wir sind eine Gruppe engagierter, ideenreicher und aktiver Menschen. Eine Selbstbezeichnung als Ladyfest Rostock bedeutet hier in erster Linie eine gemeinsame Verbundenheit zu einem queerfeministischen Ladyfestgedanken und ist dehnbar wie Schlüppergummi. Dabei sind die einzelnen Personen der Gang (der coolsten der Stadt), mal mehr butch, mal mehr femme, fühlen sich besser als boy oder genderqueer, als Mermaid oder Meerschweinchen, als er, sie oder es beschrieben, mögen gendertrouble oder entziehen sich jeglicher Festlegung. Was uns dabei verbindet ist, dass wir uns nehmen, was uns zusteht und uns nennen, wie wir wollen.

Wir haben uns dafür entschieden, keine Cis-Männer5 in die Gang aufzunehmen. Cis-Männer brauchen keinen Raum in feministischen Räumen. Sie haben schon den Raum in der Gesellschaft und könnten diesen feministisch gestalten. Wir freuen uns prinzipiell über jeden Cis-Mann, der unseren quuer-feministischen Kampf sowie die Ladyfest-Idee unterstützt und uns bei den offenen Veranstaltungen auf unserem Festival als Gast besucht. Doch in unserer Orga-Gruppe wollen wir nicht gegen unsere durch Erziehung und Erfahrung (Sozialisation) ätzende patriarchale Vorprägung ankämpfen, sondern uns im geschützten Wohlfühlraum kreativ entfalten, empowern und coole Aktionen auf die Beine stellen.
Aus dem gleichen Grund wird es auf unserem für alle Geschlechter offenen Festival auch Veranstaltungen geben, die FLTI*-Menschen vorbehalten sind.
Auf dem Festival wird es guidelines geben, in denen steht, was wir uns von unseren Besucher*innen wünschen. Es wird außerdem ein Awareness-Team vor Ort sein, welches bei Fragen und Problemen ansprechbar ist.
Das Selbstverständnis ist ein Prozess, genau wie die Gruppe, und wird immer wieder neu verhandelt und aktualisiert.

Stand 3.7.2018

  1. Riot Grrrls waren Anfang der 1990er ‚knurrende‘ (grrr…) aufrührerische Hardcore-Punk-Mädchen, die eine subkulturelle feministische Bewegung in Gang setzten. Die vornehmlich ‚weißen‘ Punk-Grrrls aus der amerikanischen Mittelschicht gingen mit einem Manifest an die Öffentlichkeit, das zu einer Grrrl-Revolution aufrufen sollte. Gemeint war damit den Normalzustand des männlich dominierten Musikbuisness‘ zu beenden und eine eigene Szene aus Musikerinnen, Bookerinnen, Technikerinnen, Fanzines, Bühnenshows etc. als female Gegenkultur zum sexistischen Malestream zu enwerfen. Die Riot Grrls hatten aber auch Probleme mit akademischen Feminismus-Diskursen, die mit ihrer Lebenswirklichkeit nichts zu tun hatten. Ab Mitte der 1990er wurde die Subkultur der Riot Grrrls stark kommerzialisiert. Der Höhepunkt dessen wurde mit der Figur Lara Croft erreicht, die selbstbewusst weibliche Sexiness und Power verkörpern sollte, aber nur ein billiges Abbild männlicher Marketingphantasien war…Nichts destotrotz hat sich aus dem Grundgedanke (DIY & Feministisch) der Riot Grrrl-Bewegung das Konzept von Ladyfesten entwickelt und wird bis heute umgesetzt. Dabei wird sich bis heute u.a. auch kritisch retrospektiv mit der Riot Grrl-Bewegung auseinandergesetzt: „Why I was never a Riot Grrrl“ von Laina Dawes im BITCH Magazine; „For Colored Girls Who Considered Black Feminism When Riot Grrrl Wasn‘t Enough“ von e-Feminist; „Riot Grrrl, Race, and Revival“ von Mimi Thi Nguyen; Besonders Interessant: Kathleen Hanna findet in retrospektive selber scheiße, wie Schwarze Frauen in Riot Grrrl (nicht) repräsentiert wurden [zurück]
  2. weitere Anmerkungen: Wir wissen um die Diskussionen und verschiedenen Ansätze das * zu nutzen oder auch begründet wegzulassen. Wir befinden uns in der Auseinandersetzung darüber wie wir es handhaben wollen. Unser aktueller Diskussionsstand in der Gruppe ist es, das* zu benutzen.
    http://transgenialefantifa.blogsport.de/2015/10/31/jetzt-neu-ohne-sternchen<>hier sind auch die Kommentare sehr spannend
    englischsprachige Diskussionen:
    http://sjwiki.org/wiki/Trans_asterisk
    http://www.themanitoban.com/2014/04/asterisk/19979/
    http://www.transstudent.org/asterisk
    https://practicalandrogyny.com/2013/10/31/about-that-often-misunderstood-asterisk/ [zurück]
  3. Hinter queer-feministisch steht für uns der Anspruch verschiedene gesellschaftsstrukturiende Machtverhältnisse in ihrer Verwobenheit zusammenzudenken und deren Folgen wie Diskriminierung, Sexismus, Ein- und Ausschlüsse aufzudecken. Zum einen aus feministischer Perspektive die soziale Konstruktion von Geschlecht (Gender) als gesellschaftsstrukturiende Kategorie und damit als veränderbar zu sehen. Diese Perspektive wird mit Überlegungen aus der Queer Theory verbunden um konstruierte Geschlechtsidentitäten in einer als zweigeschlechtlich (Mann/Frau) formierten Normalität (Heteronorm) zu enttarnen. Beides wird dabei kritisch hinterfragt und widerständige Praxen können in Ladyfestkontexten entwickelt werden. Unser queer-feministisches Verständnis bezieht sich zudem erweitert auf den Diversity-Gedanke, der noch neben Gender weitere gesellschaftsstrukturiende Kategorien wie Herkunft, Alter, Klasse etc. einbezieht, die alle zu Ein- und Ausschlüssen in sozialen Zusammenhängen führen.[zurück]
  4. Küfa ist Küche für alle. Heißt, ein paar Menschen kochen für sich und (viele) weitere Menschen gegen nen (Soli-) Spendenbeitrag, als Veranstaltung an sich oder während einer Veranstaltung, damit der Magen nicht knurrt, Geist und Körper gestärkt sowie die Laune angehoben werden. Ohne Mampf kein Kampf! [zurück]
  5. Ein Cis-Mann ist ein Mensch, der bei der Geburt als Junge eingeordnet wurde, als Mann wahrgenommen werden und auch so leben möchte.[zurück]